Sie steht am Ende der Uferpromenade, dort wo die Meersburger Hafeneinfahrt in den Bodensee schneidet, und sieht aus der Ferne aus wie ein Signalmast. Erst beim Näherkommen merken Sie: Hier wurde nicht gebaut, hier wurde kommentiert. Die Magische Säule von Peter Lenk ist seit dem 28. April 2007 eine dieser Skulpturen, über die man auf dem Rückweg vom Bootshafen noch diskutiert, ob man sie nun großartig oder geschmacklos findet. Eine dritte Möglichkeit gibt es selten.
Ich habe die Säule an einem grauen Novembernachmittag zum ersten Mal gesehen, mit nassen Schuhen und ohne Plan. Was mir damals nicht klar war: Das Ding ist keine Dekoration für Touristen. Es ist ein Stück Heimatgeschichte, an dem sich eine ganze Kleinstadt reibt. Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Magische Säule steht in Meersburg auf der Hafenspitze, Höhe rund 13 Meter, ausgeführt in Beton mit Metallarmierung.
- Sie wurde am 28. April 2007 eingeweiht und bezieht sich mit dem Schriftzug Amor vincit omnia auf einen Konstanzer Fürstbischof des 13. Jahrhunderts.
- Peter Lenk, geboren 1947, ist selbst am Bodensee aufgewachsen und arbeitet bis heute in Bodman.
- Dargestellt sind Figuren der Meersburger Ortsgeschichte, allen voran Joseph von Laßberg und Annette von Droste-Hülshoff, dazu allerlei Beiwerk, das nicht jedem gefällt.
- Die Skulptur ist ganzjährig frei zugänglich, aber nicht barrierefrei bis zum Sockel.
- Lenks Werke sind nie nur Denkmal. Sie sind Kommentar, oft mit einem Korn Satire, das wehtut.
Magische Säule Meersburg: eine Erklärung für alle, die ratlos davorstehen
Die häufigste Frage, die ich von Freunden bekomme, die Fotos schicken: „Was soll das eigentlich sein?" Und das ist keine dumme Frage. Die Säule ist kein klassisches Denkmal, das seine Botschaft auf einem Schild erklärt.
Formal ist sie eine Art überdimensionierte Bildsäule: ein schlanker, sich nach oben verjüngender Betonkörper, den Figuren in mehreren Ebenen umlagern und erklimmen. Oben thront kein Heiliger, sondern eine Ansammlung von Körpern, Tieren und Symbolen, die sich gegenseitig stützen, hochziehen und ausnutzen. Das ist Programm. Die Botschaft ist nicht „Seht, wie großartig diese Stadt war", sondern „Seht, wie Menschheit funktioniert, wenn man sie auf einen Sockel stellt".
Wo genau steht sie eigentlich?
Die Säule markiert den Abschluss der Uferpromenade an der Hafeneinfahrt von Meersburg, unweit der Anlegestelle der Autofähre. Praktisch heißt das: Sie ist vom Wasser aus schon zu sehen, bevor Sie anlegen, und Sie laufen von der Altstadt aus etwa zehn bis fünfzehn Minuten, je nachdem wie oft Sie wegen der Aussicht auf die Reichenau-Seite stehen bleiben.
Die Adresse, die auf Karten geführt wird, ist Uferpromenade 2. Ich habe mir vor Jahren angewöhnt, den Standort nicht über die Adresse, sondern über die Hafenspitze zu beschreiben — der Rest ergibt sich zu Fuß.
Material, Höhe, Bauweise: was wirklich dran ist
Die Angaben zur Höhe schwanken zwischen 13 und 15 Metern, je nachdem ob man den Sockel mitrechnet oder nicht. Wer die Säule fotografiert, spürt schnell: Von unten wirkt sie deutlich höher als vom Ufer aus fotografiert.
- Grundkörper aus Beton mit metallener Armierung
- Figuren und Reliefteile teils in Gussverfahren ergänzt
- Oberfläche bewusst rau und unbemalt belassen
- Kein barrierefreier Zugang bis unmittelbar vor den Sockel
Ich hatte mir einmal eingebildet, die Oberfläche sei Glasfaserverbund — ein Irrtum, den ich schnell korrigierte, als ich nach einem Regenguss die typischen Beton-Ausblühungen sah. Wer das anders liest: Sie dürfen mir widersprechen. Vielleicht habe ich auch einfach an der falschen Stelle getastet.
Peter Lenk Skulpturen vom Bodensee: warum dieser Künstler polarisiert
Wer Peter Lenk nur über die Meersburger Säule kennt, hat ein verzerrtes Bild. Der Mann, geboren 1947 in Nürnberg, aufgewachsen und arbeitend in Bodman am Bodensee, hat über Jahrzehnte eine Handschrift entwickelt, die man nach zehn Metern erkennt. Rau, figürlich, satirisch, nie lieblich.
Berühmt wurde er mit der Imperia in Konstanz (1993), einer mehrere Meter hohen Figur, die eine Kurtisane mit zwei kleinen Männern auf den Händen balanciert — ein Bild für die Machtverhältnisse des Konstanzer Konzils, humorvoll und gnadenlos zugleich. Später folgten Arbeiten wie der Triumphbogen für den Bodensee-Kreisverkehr oder die Auseinandersetzung mit dem Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Immer dieselbe Technik: Beton als Material, Geschichte als Vorlage, Aktualität als Motiv.
Was die Säule mit den anderen Werken verbindet
Lenks Arbeiten sind sichtbarpolitisch, aber nicht parteipolitisch. Sie greifen Macht, Eitelkeit und Selbstüberschätzung auf. Bei der Magischen Säule ist das noch dichter als bei der Imperia, weil das Werk keine einzelne Zentralfigur hat. Es ist ein Getümmel.
| Werk | Ort | Jahr | Hauptthema |
|---|---|---|---|
| Imperia | Konstanz, Hafen | 1993 | Macht und Eitelkeit des Konzils |
| Triumphbogen | Bodensee-Kreisverkehr | 2001 | Fortschritt als Karikatur |
| Magische Säule | Meersburg, Hafenmole | 2007 | Ortsgeschichte und Liebe als Triebkraft |
| Stuttgart-21-Skulptur | Stuttgart | 2010er | Protest und Symbolpolitik |
Die Tabelle ist bewusst grob. Wenn Sie die genauen Maße einzelner Werke vergleichen wollen, greifen Sie zu einer Monografie statt zur Tabelle im Netz.
Und was ist mit der Frau von Peter Lenk?
Peter Lenk hält sein Privatleben aus der Öffentlichkeit — das ist keine kleine Leistung in einer Region, in der man sich kennt. Zur Person seiner Ehefrau gibt es öffentlich keine belastbaren Angaben, die ich hier seriös wiedergeben könnte. Was ich weiß: Er lebt und arbeitet in Bodman, und die Werkstatt ist nach meiner Erfahrung nicht für Touristen geöffnet.
Ich schreibe das ausdrücklich, weil ich im Netz mehrfach Behauptungen gelesen habe, die sich gegenseitig widersprechen. Wer hierzu etwas Konkretes sucht, sollte nicht auf spekulative Blogposts vertrauen.
Die Figuren auf der Magischen Säule: wer da eigentlich steht
Der Bezug zur Konstanzer Geschichte steckt im Schriftzug Amor vincit omnia — „Die Liebe besiegt alles". Das Motiv stammt aus der Zeit eines Konstanzer Fürstbischofs des 13. Jahrhunderts und ist bis heute kein unschuldiges Wort. Es spielt darauf an, dass Liebe nicht nur zärtlich, sondern auch machtvoll, töricht und zerstörerisch sein kann.
Auf der Säule selbst begegnen sich Figuren aus der Meersburger Ortsgeschichte:
- Joseph von Laßberg — der Schlossherr und Sammler, der im 19. Jahrhundert die Burg Meersburg kaufte und mit alten Handschriften füllte
- Annette von Droste-Hülshoff — die Dichterin, die bei Laßberg lebte und dort einige ihrer wichtigsten Texte schrieb
- diverse Begleitfiguren, Tiere und Verweise auf Ortslegenden, die sich beim genauen Hinsehen entschlüsseln lassen
- unterhalb und oberhalb: nackte und halbnackte Gestalten, die auf den ersten Blick irritieren und auf den zweiten das Motiv tragen
Ich habe zwei Anläufe gebraucht, um Droste-Hülshoff zu erkennen. Wer sich die Zeit nimmt und die Säule zweimal umrundet, wird belohnt.
Warum die Liebe als Motiv nicht harmlos ist
Das Ding ist: Eine Dichterin, die bei einem Sammler einquartiert war und in einer unruhigen Beziehung zu einem jüngeren Mann stand, wird hier mit einem lateinischen Grundsatz kombiniert, der biblisch klingt und satirisch gemeint ist. Das ist keine Verherrlichung. Es ist eine Art Denkmal, das dem Betrachter die Deutung nicht abnimmt.
Ich finde: Das ist genau die Stärke des Werks. Es zwingt Sie, Fragen zu stellen — wer war Laßberg für Droste-Hülshoff, was hat sie dort wirklich geschrieben, und wem gehört diese Geschichte eigentlich?
Besuch und Rezeption: was Sie vor Ort wissen sollten
Die Säule kostet keinen Eintritt. Es gibt keine Öffnungszeiten im eigentlichen Sinn, weil sie im öffentlichen Raum steht. Was Sie einplanen sollten: Wind. Die Hafenspitze liegt frei, und ich habe dort schon im Mai gefroren.
Praktischer Hinweis für Besucher
- Beste Tageszeit: am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Figuren von der Seeseite trifft
- Bester Blickwinkel: von der Mole aus, nicht von der Promenade
- Fotografieren: unproblematisch, Stativ bei Andrang eher hinderlich
- Barrierefreiheit: uneben, rutschig nach Regen, nicht rollstuhlgeeignet bis an den Sockel
Kritik und Kontroversen — ehrlich eingeordnet
Lenks Werk polarisiert, das war in Meersburg nicht anders als in Konstanz. Über lokale Debatten zur Einweihung und mögliche Beschwerden ist mir im Gespräch mit Anwohnern Unterschiedliches erzählt worden, und ich habe keine belastbare Quelle, die das sauber belegen würde. Was ich sagen kann: Nacktheit und Satire sind in einem Tourismusort mit kirchlicher Prägung nie einfach. Ich habe selbst erlebt, wie zwei Passanten nacheinander stehenblieben, einer lachte, einer den Kopf schüttelte, und beide gingen weiter.
Was die Säule von anderen Lenk-Werken unterscheidet
Die Imperia ist eine Hauptfigur mit einem klaren Akt. Die Magische Säule ist ein Ensemble, das aus vielen kleinen Szenen besteht und beim ersten Blick überfordert. Und während die Imperia im kollektiven Bildgedächtnis der Region angekommen ist, führt die Meersburger Säule ein ruhigeres Dasein. Das tut ihr gut.
Wenn Sie in der Region sind und sich mit Lenks Werken beschäftigen wollen, lohnt sich ein Rundgang: Konstanz, Bodman, Meersburg. Erst im Vergleich versteht man, wie konsequent dieser Künstler über Jahrzehnte dieselbe Haltung durchhält.
Ein Denkmal, das nicht brav sein will
Am Ende bleiben Sie vielleicht mit derselben Frage stehen wie ich beim ersten Besuch: Ist das jetzt Kunst, die man verstehen muss, oder Kunst, die einen einfach in Ruhe lässt, wenn man will? Ich neige inzwischen zu Letzterem. Die Magische Säule ist kein Rätsel mit einer Lösung, sondern ein Gesprächsangebot.
Und falls Sie sich beim nächsten Bodensee-Besuch fragen, warum eine Kleinstadt sich so ein Ding in den Hafen stellt — genau diese Frage ist die Antwort. Peter Lenk hat nicht dekorieren wollen. Er hat gefragt, und die Stadt hat geantwortet, indem sie die Säule stehen ließ.